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Zuweilen erweisen sich Verlegensheitslösungen als tragfähiger, als man denkt. Cracked Anegg Records hat ursprünglich wohl als solche begonnen: Sängerin Sharon Anegg gründete 2001 zur Veröffentlichung ihres Debüt-Albums kurzerhand ihr eigenes Label. Mit Folgen vor allem für die Wiener Jazz-Szene, die sich im Hause des musikalischen Eisprungs, das Anegg seither gemeinsam mit dem von Café Drechsler bekannten Bassisten Oliver Steger hütet, zunehmend wohlzufühlen begann. Musikalisch gbit man sich unpuristisch, lässt den Jazz in Richtung NuJazz, Songwriting und Elektronik ausfransen, die Musik ist individuell, aktuell und jung - wie das Gros der veröffentlichten Musiker. Zeit, einige der geschlüpften Küken - nebst ausgewachsenen Hähnen - im Rahmen des Jazz Fests vorzustellen: Tenorsaxofonist Herwig Gradischnig wandelt im Zuge seines neu gegründeten Ghost Trio literarisch auf den Spuren Samuel Becketts, musikalisch u.a. auf jenen von Sony Rollins'. Die Salzburger Vokalistin Angelá Tröndle empfiehlt sich mit introvertierten Songs und instrumentalem Stimmeinsatz, die Band Drechsler indem sie wie gehabt Improvisation und Grooves aus vielerlei Richtungen kurzschließt. Die Car Radio Band von Gitarrist Markus Mayerhofer wird am Ende eines kurzweiligen Abends Richtung trashiger Ska-Jazz abheben.
Autor:. (felb)
Standard SA./So., 12./13. Juli 2008
Im Rahmen des Jazzfests Wien kommt es heute, Sonntag, im Arkadenhof bei freiem Eintritt zu einem Jazzmarathon. Der Beginn gehört den Jungen. Die Jakob Pocket Band spielt und liest ab 10 Uhr Auszüge aus dem Buch "Jazz für Kinder". Darin entdeckt ein Mädchen in einem Pavillon drei alte, verstaubte Instrumente: ein Klavier, ein Schlagzeug und einen Kontrabass. Die Instrumente erzählen ihr die spannende Geschichte des Jazz, wer die berühmtesten Interpreten sind und spielen ihr das Lied "Bruder Jakob" in 14 verschiedenen Jazz-Stilen vor. Co-Autor Oliver Steger wird selbst den Bass bedienen und ist auch bei der Cracked Anegg Label-Night mit dabei, wo er unter anderem bei Drechsler und der Car Radio Band Bass spielen wird.
Kurier, Wohnen in Wien So, 13.Juli 2008
Die junge Jazz-Szene hat beim Jazzfest Wien 08 einen feinen Stützpunkt erhalten. Die heimische und europäische, vor allem osteuropäische. Ein Gemeinschaftsprojekt der Jazzwerkstatt Wien und des jungen CD-Labels Cracked Anegg. Mit russischer Lebenslust, einem Schuss Schwermut und Fanfarenklang vergnügten "Odessa" und "Hansi" sich und das Publikum. Aus der Ukraine ausgezogen und wieder zusammengefunden, bedient sich das Klavier-Saxophon-Duo Vadim Neselovskyi & Andreij Prosorov aus Odessa des klassischen wie traditionellen Reportoires, um ihre eindrucksvoll gesponnenen Klangbilder zu bauen, wellenförmig, ausgefranst, in Schleifen wiederkehrend - ein Ohrwurm , Samba im 7/4-Takt. Danke fürs Nicht-Tanzen! Das gilt auch für das Bläser-Schalgzeug-Quartett Hansi mit Clemens Salesny (Saxophon), Lorenz Raab (Trompete), Daniel Riegler (Posaune) und Mathias Koch (Schlagzeug) - ein wilder Ritt durch bizarre Landschaften. Die Entstehungsgeschichte der Welt aus dem Urchaos in den Lebensrythmus. Und dann: eine Raab'sche Ballade in nur gering trügerischer Schönheit. Verschiedene Stadien der Auflösung. Höchst erfrischend! Einige bei Cracked Anegg präsenten Musiker, wie Herwig Gradischnig oder Ulrich Drechsler, geben sich am kommenden Sonntag im Rathaus-Arkadenhof zur Label-Night die Ehre.
Autor: ki
Kronenzeitung - Kultur So, 13. Juli 2008
Jazz sei Live-Musik, heißt es in Anlehnung an Sartre, der fand, mit Jazz sei es wie mit Bananen Wien - Beides verzehre man am besten an Ort und Stelle. Die Behauptung ist längst relativiert. Schließlich stellt auf Tonträger Gebanntes oft auch ein Konzentrat der inspiriertesten Momente dar. Klanglich ausgefeilter als im Konzert, dessen Akustik Musik zuweilen nur erahnen lässt. Wer etwa wissen will, wie die formidable "Car Radio Band" von Markus Mayerhofer wirklich klingt, der orientiere sich nicht an dem, was er im akustisch schwierigen Arkadenhof des Rathauses serviert bekam. Er halte sich an die CD-Version, in der die amüsanten Ska-Jazz-Exegesen dieses Quintetts, die auch Besame Mucho Pep verleihen, ohne wummernden Bass, dafür mit - live weitgehend unhörbarem - Keyboard daherkommen. Cracked Anegg, das junge Wiener Label, hätte fürs Porträt beim Jazzfest Wien bessere Bedingungen verdient. Sorgt es doch mit stiloffenem Programm und Debütanten für frischen Wind in der Szene. Dazu gehört auch Ángela Tröndle. Kontemplativen Kammerjazz hat die Vokalistin ersonnen, in deren Arrangements sich die Stimme gerne in instrumentale Linienführung einfügt. Das hat Charme, Individualität; noch mehr wäre möglich, könnte sie den Verve ihrer Scat-Vokalisen auch auf die Textinterpretation übertragen. Ein alter Hase ist dagegen Herwig Gradischnig. Seine Traditionsbetrachtungen vollzieht er im neuen, den Geist Sonny Rollins' atmenden Ghost Trio, in dem er dank virtuoser Wendigkeit und schlüssiger Motivarbeit zu reizvoller Intensität findet. Ebenfalls bei Cracked Anegg: Saxofonist Ulrich Drechsler. Seine Soul-Jazz-Formeln finden in Zuzees meisterhaften Scratching-Einlagen einen formidablen Widerpart, während die rhythmischen Kräfte jedes tanzfreudige Clubbing-Publikum bedienen. Im Hinblick auf diese Musik dürfte Sartres Bananen-Vergleich noch immer Gültigkeit besitzen.
(Andreas Felber, DER STANDARD/Printausgabe, 16.07.2008) |