Konzertkritik – Kunstbox Seekirchen

Mit geschlossenen Augen erzählen

Ángela Tröndle besuchte zum ersten Mal das Emailwerk. Nicht als Gast, versteht sich, mehr als ein Töne-Kraftwerk, das imstande ist, jeden Kubikmillimeter eines Raumes mit Klängen zu füllen. Bei ihr ist jeder Ton eine Erzählung, eine Geschichte, die sie bedachtsam in die Welt setzt und im Gegenzug jede Silbe ihrer poetischen Erzählungen ein Akkord. Mit dabei hatte sie eine „Internet-Bekanntschaft“, den Gitarristen und Komponisten Pippo Corvino. Das wäre per se nichts Ungewöhnliches, wäre dies nicht eine ganz besondere Bekanntschaft. Denn nachdem er eine ihrer Kompositionen aus der Ferne ge-remixed hatte, entstand ein faszinierendes Projekt. Ein gemeinsames Album, basierend auf Songs, die über die Distanz des WorldWideWeb entstanden sind, zwei Musiker, die sich gegenseitig Kompositions-Pattern zusandten und letztlich auf diese Weise förmlich verschmolzen. Das Ergebnis fand nun auf die Bühne und auf einen Tonträger, der bei eben diesem Konzert seine Vorpremiere feierte – offizielles Release-Datum: 20. Jänner.

Wenn man sich einmal auf die kontemplative Langsamkeit und Zartheit dieser Musik eingelassen hat, wird man in eine Zauberwelt entführt, die voll ist von Geschichten und Träumen Ángela Tröndles. Ihre Augen öffnet sie nur zwischen den Songs, beim Singen hält sie diese fast immer geschlossen, nur ihre Hände tanzen in der Dynamik der Melodien – so, als würden sie eine Balance suchen, um sich nicht gänzlich der musikalischen Schwerelosigkeit ergeben zu müssen.

Daneben – oder besser gesagt – in ihrer Nähe sitzt Pippo Corvino und entlockt seiner Gitarre virtuose, aber bedachtsame Klänge. Vielleicht sollte man eher den Begriff „achtsam“ wählen. Seine Finger gleiten über den Gitarrenhals, jeder Ton wird behutsam in den Raum entlassen, seine Bewegungen sind von einer gewissen Zärtlichkeit erfüllt. Die Harmonien streben in die Mitte der Bühne, suchen Ángelas Stimme, gemeinsam verlassen sie den Bühnenraum in Richtung Zuhörer.

Für diese Musik Vergleiche zu suchen, ist sinnlos. Ich habe in meinem musikalischen Gedächtnis nichts gefunden. Es ist aber auch nicht einzigartig – nein, es ist mehr, es ist „besonders“. Bleibt eigentlich nur eine Frage offen, die ich zu stellen vergessen habe. Kann Ángela Tröndle mit offenen Augen singen? ich glaube nicht, dann dazu müsste sie ihre eigene Geschichte verlassen – und außen ist draußen. Sie zieht es vor, drin zu bleiben, denn genau das erzeugt diese enorme Tiefe dieser Musik, der man sich kaum entziehen kann.

lf – 01/2017

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