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„Wir saßen am Wiener Piaristenplatz, tranken Unmengen von Kaffee… und plötzlich kam uns die Idee, ein Konzeptalbum über den Beitritt der 10 neuen EU-Länder zu machen.“ So oder so ähnlich könnte ein musikalischer Albtraum beginnen, der von großen Ambitionen, dem mühsamen Weg zum Ziel und dem hart gelandeten Endprodukt erzählt. Könnte. Denn Forms of Plasticity (oder kurz FOP) ist gelungen, was sonst nur Mathias Rüegg mit seinem unglaublichen Vienna Jazz Orchestra schafft: Ein abstraktes Themenalbum, das man sich gut und gerne auch beim Abendessen anhorchen kann. Für dessen Konsum man weder Musikwissenschaften studiert noch ein 20-bändiges Musiklexikon im Regal stehen haben muss. Aber halt: Bevor wir FOP hier über den grünen Klee loben, sollte die Truppe erstmal vorgestellt werden – sofern das notwendig ist. Denn einige Beteiligte sind durchaus keine Unbekannten: Lorenz Raab etwa gewann 2003 den Hans Koller PublikumsPrice und war „Newcomer 2004“. Oliver Steger heimste den Amadeus 2005 ein. Felix Bergleitner a.k.a. Bionic Kid von den Waxolutionists kennt man sowieso. Und Johannes Specht und Mike Breneis wissen auch ganz genau, was sie mit Gitarre bzw. an den Drums zu tun haben. Man darf trotzdem beeindruckt sein, was aus diesem Jazz- Crossover Projekt geworden ist – und was in Zukunft noch werden könnte. Da man sich dem Werk am besten schrittweise annähert, machen wir das jetzt einfach.

Play. Lettland darf den Anfang machen, dem nördlichen Staat ist eine Hymne an die Natur und den Umweltschutz gewidmet. Für einen ersten Track fast ein bisschen zu ruhig, man ahnt noch gar nicht, was alles auf einen zukommt. Zypern zum Beispiel, das gleich gnadenlos und basslastig weggrooved als gäbe es kein Morgen. Bionic Kid darf erstmals hörbar scratchen. Nicht umsonst steht statt einer Inhaltsbeschreibung hier das Rezept für Brandy Sour im Booklet! Polen überrascht dann mit Vocals von Sandra Pires, die sich butterweich an die freie Interpretation einer Akkordfolge von Karol Szymanowski schmeicheln. Bei der Slowakei schlägt wieder das Umweltthema durch, der Track bricht erstmals mit dem jazzigen Eindruck und lässt Bionic Kid vollkommen freie Hand an den Turntables, bevor er nach eineinhalb Minuten richtig startet. Litauen ist langsam, melancholisch, schön; Estland ein peppiges Stakkato aus kurzen Tönen. Ungarn sehnt sich nach Freiheit und Liebe, hier wird mal so richtig gerockt, mit Gitarrenriffs, härterem Schlagzeug und allem drum und dran. Slowenien verlässt sich kurz vor Schluss auf Ungarische Volksmelodien, klingt aber trotzdem nicht altbacken. Eine kleine Referenz an den Oberkrainer- Sound! Malta verband einst Sizilien und Nordafrika, heute darf es meditativ an uralte menschliche Strukturen auf der Erde erinnern. Die tschechische Republik ist ein Monster, gute 13 Minuten lang – erst kommt es nicht so richtig vom Fleck, dann geht’s mit harten Disco- Beats ins Finale: „The Rain Is Fresh And Clear“.

Viele Fragen tun sich auf: Neue Zeiten? Ein Zeichen des Umbruchs? Des Aufbruchs? Willkommen im erweiterten Europa!

Stefan Egger – 10.10.05

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