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„Am liebsten würde ich einfach Jazz-Standards schreiben können“ – TOBIAS FAULHAMMER (FAULHAMMER I AUFMESSER I KAMMERER) im mica-Interview
Seit seiner Gründung hat sich das Trio um Tobias Faulhammer (Gitarre) gemeinsam mit Gregor Aufmesser (Kontrabass) und Jakob Kammerer (Schlagzeug) als kontinuierlich arbeitende Einheit einen eigenständigen Zugriff auf das Format erarbeitet. Nach dem vielbeachteten Debüt präsentiert sich die Band auf „Ascension“ (cracked anegg records) offener, facettenreicher und deutlich weitergedacht: Die Musik bewegt sich selbstbewusst zwischen feiner Ausdifferenzierung und markanter Zuspitzung, lotet neue Spannungsfelder aus und gewinnt dabei hörbar an Tiefe. Im Interview mit Michael Ternai spricht Tobias Faulhammer über seinen Wunsch, auf dem neuen Album mehr Improvisation zuzulassen, über die intensive Suche nach dem richtigen Sound und darüber, warum Standards für ihn mitunter die größten Kompositionen sind.
>>Wir sind zum letzten Mal anlässlich eures Debütalbums zusammengesessen. Wenn du jetzt das Debüt mit dem aktuellen vergleichst: Wo seid ihr damals gestanden, und wo steht ihr jetzt? Seid ihr irgendwo angekommen?<< Tobias Faulhammer: Also ich glaube, in erster Linie sind wir stilistisch ein bisschen breiter geworden. Ich habe bei den Kompositionen für das neue Album versucht, offener zu werden, ein bisschen mehr Platz zum Improvisieren zu lassen, sodass insgesamt alles etwas weiter wird und mehr Raum für Kommunikation entsteht. Das hat nicht bei allen Stücken funktioniert. Manche sind dann doch wieder sehr dicht geworden, wo ich das Gefühl hatte: Ja, dieses Stück braucht einfach diese Dichte, dass viele Akkordwechsel passieren oder Ähnliches. Aber ich glaube trotzdem, dass es alles in allem ganz gut gelungen ist. Es sind viele offene Parts dabei, in denen im Studio wirklich coole Sachen entstanden sind. Im Vergleich zum ersten Album war damals, glaube ich, alles noch ein bisschen getakteter. Es gab ein genaueres Gerüst dafür, wie die Nummern aufgebaut waren. Jetzt ist sicher etwa die Hälfte der Stücke recht offen gestaltet, und dadurch sind wieder ganz neue Räume entstanden. >>Wie viel befriedigender ist dieser neue, breitere Ansatz?<< Tobias Faulhammer: Sehr, finde ich. Vor allem, wenn man mit einem Ensemble länger zusammenarbeitet, ist es immer spannend, zurückzuschauen und zu sehen, wie man früher gemeinsam gespielt hat. Natürlich entwickelt sich jede und jeder für sich weiter, aber irgendwann passiert es auch, dass man sich als Band gemeinsam entwickelt, wenn man viel miteinander spielt. Dann verändert sich auch der Sound, also wie man zusammen klingt, beziehungsweise er festigt sich mit der Zeit. Das ist schon sehr bereichernd. >>Ich habe damals bei eurem Debüt geschrieben, dass du in deiner Musik eine Brücke vom eher Traditionellen zur Moderne schlägst. Ich habe das Gefühl, dass das gerade jetzt bei „Ascension“ noch stärker in den Fokus gerückt ist. Die Stücke klingen sehr unterschiedlich: Zum Teil gibt es wirklich lässige Grooves, die relativ straight ihren Weg gehen, und dann natürlich auch verspieltere, komplexere rhythmische Patterns. Inwieweit ist das eine natürliche Entwicklung gewesen, oder steckte dahinter schon ein konkretes Konzept oder eine Idee?<< Tobias Faulhammer: Ich würde sagen, es ist so halb, halb. In diese Richtung zu gehen, war auf jeden Fall schon bewusst. Beim ersten Album war es, glaube ich, ein bisschen so, dass ich einfach einige Stücke geschrieben hatte, die wir auch schon auf einigen Konzerten gespielt hatten. Und damals dachte ich mir, es wäre irgendwie die logische Konsequenz, diese jetzt auch aufzunehmen. Das neue Album dagegen ist zwar kein Konzeptalbum in dem Sinn, aber ich habe die Stücke alle schon mit dem Gedanken geschrieben, dass sie auf dem Album sein werden. Ich wusste auch grob, dass wir im Sommer aufnehmen würden. Zu dem Zeitpunkt waren zwei, drei Stücke im Grunde schon fertig, und ich dachte mir, dass ich in diese Richtung weiterarbeiten möchte. Insofern war also schon ein bisschen mehr vorgegeben, würde ich sagen. Und was diese stilistische Breite betrifft: Die war mir auch sehr wichtig, weil ich nicht noch einmal dasselbe schreiben bzw. machen wollte wie zuvor. Ich wollte mit dem neuen Album ganz bewusst einen Schritt weitergehen und die Musik weiterentwickeln. >>Euer Trio besteht jetzt seit 2022. Inwieweit bedingt dieses lange Zusammenspiel auch die Entstehung der Stücke? Du bist zwar der Hauptkomponist, aber wie sehr sind deine beiden Kollegen in die Entstehung der Stücke – und damit auch in die Entwicklung des Sounds – eingebunden?<< Tobias Faulhammer: Ja, schon eine ganz große. Erstens glaube ich, dass man, wenn man viel miteinander spielt, bei neuen Ideen die Besetzung schon ein bisschen im Ohr hat. Das kenne ich auch von anderen Leuten, mit denen ich viel gespielt habe: Wenn man eine Idee hat, hat man oft gleich jemanden im Kopf, der für dieses Stück gut passen könnte. Zum Beispiel habe ich sehr viel mit dem Pianisten Max Tschida gespielt. Da hatte ich schon öfter eine Komposition, bei der ich mir dachte: Das muss ich eigentlich mit Max spielen. Das war dann ganz eindeutig. Beim Trio ist es ähnlich. Es gibt viele Stücke, bei denen ich diesen Trio-Sound schon höre. Und natürlich entsteht auch sehr viel beim Proben. Ich versuche zwar, die Stücke fertig zu komponieren, aber nicht unbedingt mit der Einstellung, dass alles genau so bleiben muss. Es ist eher ein grobes Gerüst: Wir probieren es aus, schauen, wie es sich anfühlt – und manches verwerfen wir dann auch wieder oder greifen es später vielleicht gar nicht mehr auf. So wie diesmal: Wir haben zwei Stücke mehr aufgenommen, die es letztlich nicht aufs Album geschafft haben. Das finde ich aber auch gut. Man nimmt sich ein bisschen mehr vor und merkt dann vielleicht: Davon bin ich noch nicht überzeugt, oder wir sind damit noch nicht dort, wo wir gerne wären. Dann lässt man es lieber und nimmt es vielleicht in ein paar Jahren wieder auf. >>Also es ist interessant, was du da ansprichst: Wann ist ein Stück bei euch fertig? Was muss es erfüllen, damit alle damit zufrieden sind und es auf eine Platte kommt?<< Tobias Faulhammer: Es ist so, dass in einer Band mehrere Persönlichkeiten zusammenkommen. Und die hören – zumindest ist es bei mir so – in erster Linie immer zuerst auf das eigene Instrument. Wobei das schon ein wenig besser geworden ist. Das steht einem manchmal ein bisschen im Weg. Es gibt dann Situationen, in denen wir von Anfang an sagen: Hey, das hat sich nicht gut angefühlt. Und meistens ist es dann tatsächlich auch nicht so toll. Es gibt aber auch hin und wieder – wenn auch selten – den Fall, dass man nach einer Aufnahme sagt: Ich weiß gar nicht, was das jetzt war. Und wenn man sie dann zwei Wochen später wieder hört, denkt man sich: Das war eigentlich total cool, da sind richtig super Momente dabei gewesen, obwohl es sich im Moment der Aufnahme gar nicht so angefühlt hat. Es ist also ganz schwer, der eigenen ersten Einschätzung zu vertrauen. Deshalb entscheiden wir auch nicht zu schnell. Das Lustige diesmal war, dass wir während der Aufnahmen im Studio von unserem Tonmeister immer wieder gefragt wurden, ob wir uns die Sachen, die wir aufgenommen haben, nicht auch einmal anhören wollen. Darauf haben wir immer geantwortet: Nein, eigentlich nicht – eigentlich würden wir lieber weiter aufnehmen und vielleicht einfach einen Take markieren, bei dem wir sagen: Hey, ich glaube, der könnte cool gewesen sein. Dann machen wir vielleicht noch einen oder gehen gleich zum nächsten Stück. Am dritten Tag der Aufnahme hat er mich dann allerdings gezwungen, hineinzuhören. Er hat gesagt: „Du musst jetzt hören, damit wir wissen, was wir noch zu tun haben.“ Und dann habe ich es mir angehört. Aber es war eigentlich ganz schön. Wir haben nämlich am Land in Oberösterreich aufgenommen, und es war superschönes Wetter. Dann sitzt du halt unter einem Kirschbaum, hörst dir die Sachen an, bekommst den Kopf frei und kannst auch ganz gut etwas zur Musik sagen. Ganz anders, als wenn man voll im Alltag drinnen steckt, gar kein richtiges Gefühl dafür hat und eigentlich erst einmal Abstand bräuchte. >>War dieser Abstand bewusst gewählt?<< Tobias Faulhammer: Es war ein bisschen ein Glücksfall. Derjenige, mit dem wir diesmal aufgenommen haben, Christoph Burgstaller – ein ganz großartiger Tonmeister – war so lieb und hat uns auf seinen Hof in Freiling im oberösterreichischen Innviertel eingeladen. Dort hat er in eine alte Scheune quasi ein Studio eingebaut, weil er irgendwann draufgekommen ist, dass diese Scheune einfach super klingt. Und das stimmt tatsächlich auch. Aber es ist nicht nur der Sound, der dieses Studio besonders macht. Der zusätzliche Benefit ist, dass man einfach einmal ein bisschen weg von allem ist. Und das hat dieses Mal gut gepasst. >>Auf jeden Fall habt ihr in diesem Studio einerseits einen sehr warmen Klang hinbekommen, andererseits aber auch einen, der nicht glatt poliert klingt, sondern irgendwie kantig ist – und das vermittelt für mich eine besondere Unmittelbarkeit der Musik.<< Tobias Faulhammer: Das freut mich, das zu hören. Es hat schon ziemlich lange gedauert, wir haben beim Aufnehmen und Mischen sehr viel experimentiert. Zum Beispiel meine Jazz-Gitarre, die ich dort spiele – eine halb-akustische Gitarre – haben wir tatsächlich halb-akustisch aufgenommen. Wir haben die Verstärker abgenommen, aber auch direkt das Signal der Gitarre, und diese beiden Signale dann zusammen gemischt. So entsteht ein ganz interessantes Stereo-Bild: Man hat fast das Gefühl, die Gitarre wandere von links nach rechts, obwohl sie das eigentlich gar nicht tut. Unser Tonmeister hat uns das erklärt, ich habe es nicht ganz verstanden – es hängt irgendwie mit den verschiedenen Frequenzen zusammen. Aber es macht das Ganze total organisch. Beim Schlagzeug war es ähnlich. Wenn ich mich richtig erinnere, haben wir von oben nach unten gemischt: Wir haben mit den Overheads angefangen, um einen möglichst natürlichen Klang zu bekommen, und dann dazu gemischt, was von unten nötig war, damit das Schlagzeug schön abgebildet ist. Beim Bass ging es um einen möglichst akustischen Klang. Zwar haben wir zusätzlich ein Signal vom Pickup aufgenommen, aber letztlich nur das Mikrofonsignal verwendet. Die Akustikgitarre hatte zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal einen Tonabnehmer – sie wurde also komplett rein akustisch aufgenommen. Alles wurde analog gemacht: Am Ende lief noch ein Röhrenkompressor drüber, was den Klang zusätzlich wärmt und an manchen Stellen ein ganz leichtes, subtiles Breakup erzeugt. Ich glaube, das ist insgesamt ganz schön geworden. >>Wenn du so ein Stück schreibst und komponierst, was dient dir als Inspiration?<< Tobias Faulhammer: Am liebsten würde ich einfach Jazz-Standards schreiben können – das sind mitunter die größten Kompositionen, weil es einfach Songs sind. Am Ende des Tages sind das Songs mit echten Melodien und schönen, authentischen Ideen, die nicht konstruiert wirken, sondern wirklich natürlich aus jemandem herausgekommen sind. Bei mir ergeben sich viele Kompositionen beim Spielen, beim Improvisieren. Dann merke ich manchmal: Okay, da bin ich vielleicht etwas auf der Spur. Ansonsten kommen mir Ideen unterwegs, und dann singe ich sie einfach ins Handy und schaue, was daraus entsteht. Ich habe dafür einen Ordner auf meinem Handy – in der Galerie ein Video-Ordner – in den ich Melodien reinsinge. Ab und zu schaue ich dann hinein, um zu sehen, ob da noch Sachen sind, die ich noch nicht verarbeitet habe. Einige Stücke auf dem Album sind so entstanden. Zum Beispiel das erste Stück, „Grey on Grey“ – da wollte ich eigentlich einen Standard schreiben. Beim Stück „Balcony Melancholy“ war es ähnlich: Da wollte ich eigentlich versuchen, einen Standard zu schreiben – wirklich von einer Melodie ausgehend, mit schönen Akkorden, Durchgängen und eher traditioneller Harmonie. Bei „Ascension“ war es anders: Das Stück ist viel mehr aus einer Stimmung heraus entstanden. Ich war beim Konzert im Porgy, bei Lionel Loueke, der Solo gespielt hat. Das hat mich unglaublich inspiriert, sodass ich am nächsten Tag immer noch diesen Vibe im Hinterkopf hatte, ein bisschen improvisiert habe – und so ist das Stück schließlich entstanden. >>Du bist schon länger in der Jazz-Szene unterwegs und hast verschiedene Projekte, unter anderem mit Max Tschida. Wie sehr würdest du das Trio mittlerweile als dein Hauptprojekt bezeichnen? Immerhin wart ihr mit ihm auch relativ flott international unterwegs. Wie kam das zustande?<< Tobias Faulhammer: Ich habe mich einfach dazu gezwungen, Booking zu machen. Zuvor habe ich schon ein bisschen Booking für das Duo mit Max übernommen, aber ich hätte nie gedacht, dass es mit einem Duo so schwierig ist zu buchen. Ich dachte immer: Die Veranstalter werden sich freuen, weil es ja nur zwei Leute sind – verhältnismäßig günstig. Aber oft habe ich von Veranstaltern Rückmeldungen bekommen wie: „Das ist zu kammermusikalisch, zu reduziert“ oder „Ein Schlagzeug wäre schon cool.“ Hinzu kommt, dass nicht jede Location einen guten Flügel auf der Bühne hat. Wir haben im Duo natürlich schon großartige Konzerte gespielt, aber ich habe das Gefühl, dass es mit dem Trio vielleicht etwas leichter ist zu buchen. Wahrscheinlich, weil es die klassischere Besetzung ist und man fast überall spielen kann. Man braucht quasi nur einen Stromstecker – der Bass kann akustisch spielen, die Drums sowieso – und das war’s. >>Und inwieweit ist das Trio der kreative Mittelpunkt?<< Tobias Faulhammer: Aktuell würde ich schon sagen, dass es unser Hauptprojekt ist, weil wir zum Glück recht regelmäßig spielen. Je mehr man mit einem Ensemble spielt, desto eher ist man inspiriert, Neues zu schaffen und Ideen zu sammeln. Mit dem Duo haben wir natürlich auch Pläne, wieder mehr zu machen und gemeinsam zu schreiben. Der Kreativprozess im Duo ist noch etwas demokratischer: Wir treffen uns mit Ideen, nicht mit fertigen Stücken, und überlegen gemeinsam, was wir daraus machen können. Da tauchen wir beide noch viel tiefer ein. Dadurch dauern Dinge bei uns aber auch deutlich länger. Demokratisierung in Ensembles macht, um es mal schlicht zu sagen, alles langsamer, weil es einfach mehr Zeit braucht, wenn man wirklich alles gemeinsam erarbeitet. Aber das ist auch schön. Aber ich habe auch einige Ideen für ein etwas anderes, eher Crossover-orientiertes Programm fürs Trio. Davon möchte ich noch nicht zu viel verraten, aber ich werde im Sommer viel davon schreiben, und vielleicht nehme ich im Herbst oder Winter schon das ein oder andere auf. Ich glaube, das wird sehr spannend und wieder etwas ganz Neues. Michael Ternai – 19.03.2026
