Die Presse

Molekularbiologische Untersuchungen zeigen, dass der Traminer eine der mitteleuropäischen Ursorten ist, deren Herkunft möglicherweise in Ägypten liegt – und auch das Wort Gypsy kommt eigentlich von den Ägyptern. Das, sagt Gidon Oechsner, sei doch ein schöner Grund, als Gypsy-Jazz-Formation Gewürztraminer zu heißen. Dumm nur, dass die Band davon lange Zeit keine Ahnung hatte. Das erste Jahr wusste man nicht einmal, was ein Gewürztraminer ist – Gitarrist Marco Filippovits hatte das Wort bei Josef Hader gehört und Gefallen daran gefunden.
„Seitdem wir draufgekommen sind, was es ist“, sagt Kontrabassist Daniel Schober, „sind wir froh, dass wir nicht Welschriesling heißen.“ Schober ist an diesem Vormittag der Frühstücksgastgeber für seine Kollegen, die noch in einer gewissen Mischung aus Unausgeschlafenheit und Überdrehtheit festhängen – am Vorabend haben die Gewürztraminer bei der „Swing Time“ im Volksgarten gespielt und danach noch bei ihrer üblichen Gypsy-Jam-Session im Loop in den Gürtelbögen, wo die Leute – neben dem Stammpublikum viele „unbekannte Gesichter“ – extra gewartet hatten, wofür sich die sechsköpfige Band spielfreudig bis drei Uhr morgens bedankte.

Begonnen haben die Gewürztraminer dabei 2009 als akustisches Trio. Schober, Filippovits und Julian Wohlmuth kennen sich schon lang, seit Klosterneuburger Schul- bzw. Musikschulzeiten, mit einem Faible für Django Reinhardts Gitarrenspiel als verbindendem Element. Träumt man da, mit Anfang 20, nicht eher vom Rockstardasein? Das tue man bis jetzt, grinst Schober. Aber als Gitarrist habe man in dem Alter eben schon alle Genres einmal durch, erklärt Wohlmuth, „und bleibt halt bei einem hängen, bei uns war es eben der Gypsy-Jazz-Virus“.

Als Nächstes stieß der aus München stammende Gitarrist Gidon Oechsner dazu. Er arbeitete damals gerade beim Instrumentenhändler City Music und spitzte die Ohren, als Julian Wohlmuth Gypsy-Jazz-Saiten kaufen wollte. Alle anderen, die in der näheren und weiteren Umgebung solche Saiten brauchen, habe er nämlich gekannt, erinnert sich Oechsner; man begann noch im Geschäft zu jammen. Später rapportierte Wohlmuth seinen Kollegen, dass er jemanden gefunden habe, „der unsere Musik wirklich spielen kann“. Was er da noch nicht wusste, war, dass Oechsner als Sohn eines einschlägig tätigen Geigers aufgewachsen war, der schon seit den Siebzigern mit deutschen Sinti-Musikern spielte, sein Sohn holte sich seinen Gitarrenunterricht ebenfalls in befreundeten Zigeunerfamilien. Als er zwölf war, zogen seine Eltern „aus bis heute unerklärlichen Gründen“ dann ins Waldviertel.
Über die Details der weiteren Bandchronologie gehen die Meinungen auseinander, fest steht, dass die Truppe über Oechsner den „Ozeanpianisten“ Joachim Kuipers kennenlernte, wenig später fand man sich selbst auf dem Traumschiff wieder, um für die Gäste der MS Deutschland zwei Wochen lang zu spielen. Kuipers (der etwa bis 2014 auch als Kapellmeister der Werksmusikkapelle des steirischen Garnherstellers Borckenstein fungierte) als Akkordeonisten weiter in die Band einzubinden scheiterte letztlich an der schwierigen Terminfindung („Februar“). Auch habe Kuipers nicht ganz so viel Gefallen am Schlagzeug gefunden, das man für eine Hochzeit angeheuert hatte und nicht mehr gehen lassen wollte. So kam Daniel Neuhauser dazu. Blieb die Suche nach einem Akkordeonisten – ein offenbar eher schwieriges Unterfangen. Man fand ihn in Gestalt des Linzer Mazedoniers Atanas Dinovski auf Facebook. Seither ist der Balkan-Einfluss stärker.
Auf das „Tanzverbot“, das dem neuen Album seinen Titel wie auch ein ziemlich eingängig swingendes Lied mit schrägem Text (und Video) beschert hat, kam man übrigens in Oechsners Heimat München. Dort hatte man für dessen Mutter zum Geburtstag gespielt und wollte danach von der Kellnerin wissen, wo man denn noch ein oder auch mehrere Biere trinken könne. „Nirgends“, lautete die Antwort, heute herrsche Tanzverbot. Tatsächlich sind in Bayern an Buß- und Bettagen Tanzveranstaltungen untersagt, seit einer Lockerung 2013 allerdings nicht mehr ganztägig, sondern erst ab zwei Uhr. Insgesamt neun sogenannte stille Tage gibt es, darunter Aschermittwoch bis Karsamstag, aber auch der Heilige Abend gehört dazu. Mit ihm werden die Gewürztraminer an ihrem nächsten Auftritt auch in Österreich zum Glück nicht kollidieren: Das Porgy & Bess hat sie erst am 25. Dezember aufs Programm gesetzt, Tanzen ist erlaubt.

Von Teresa Schaur-Wünsch – 21.12.2016

 

0